re:publica26 – Highlights and learnings

Die Teilnahme an der re:publica ist immer wieder auch ein Besuch in einer Gesellschaft, wie ich sie mir wünsche: gleichberechtigt, divers, innovativ und achtsam. Damit ist das Festival für die digitale Gesellschaft auch ein guter Ort, in der man sich selber wieder ein bisschen neu einordnen kann, ein Lernort der eigenen Weiter-Entwicklung. Nicht nur einmal musste ich auch dieses Jahr erkennen: du musst weiter an dir arbeiten und auch – ja auch das – manche patriarchale Denke ist noch in mir. Und gehört da nicht mehr hin!

Wichtig ist die re:publica auch als Ort für #digitalekirche. Auf keiner anderen Konferenz trifft man so viele Akteur:innen der Digitalität aus dem Raum von Kirche und Diakonie. Auffallend dieses Jahr. Das „wir müssen sparen“ führt dazu, dass deutlich weniger churchis nach Berlin kommen durften. Teilweise wurde pro Redaktion nur einer/einem die Teilnahme erlaubt, manche mussten ganz wegbleiben oder – wie in meinem Fall- die Teilnahme erstmals privat mitfinanzieren. Kirche schmort dann zunehmend im eigenen Saft und beraubt sich der Einflüsse anderer. Ein Irrweg.

Dagegen hilft nur Vernetzung! Danke deswegen auch an Theresa Brückner (@theresaliebt) die mir erlaubt, auch ihre Notizen in diesem Blogpost zu nutzen.

Never Gonna Give (You) Up – Warum wir immer weiter machen

Gleich das erste Panel war auch Lernort für mich. Angesichts multipler Krisen diskutierten Klimaaktivistin Luisa Neubauer (Fridays for Future), Philosophin und Publizistin Carolin Emcke, Publizistin und Podcasterin Alice Hasters und Informatikerin Constanze Kurz (Sprecherin des Chaos Computer Clubs) über Engagement, Verantwortung und die Kunst des Durchhaltens.

Die Problemanalyse: Was läuft schief?

Für Luisa Neubauer ist die Lage ist bedrohlicher, als die meisten ahnen. Um das Ausmaß zu ignorieren, werden wissenschaftliche Erkenntnisse diskreditiert, Gerichtsurteile übergangen – und von uns allen wird eine „globale Apathie“ erwartet. Was als Emissionsproblem begann, ist längst eine Menschheitskrise. „Die Welt wird als Bühne betrachtet und nicht als lebendiger Organismus.“

Carolin Emcke stellte autoritäre Entwicklungen in den Vordergrund: Weltweit erleben wir einen Angriff auf gemeinsame Normen: Völkerrecht, Menschenrechte, geteilte Wirklichkeit. Menschen werden hierarchisiert – nicht alle Körper, nicht alle Arten zu leben und zu lieben zählen gleich. Das geschieht durch permanentes Herabsetzen und die Aushöhlung einer gemeinsamen Faktenbasis. „Es gibt anerkannte tote Winkel der Empathie. Und Rechte werden nicht mal mehr subtil, sondern offen untergraben.“

Für Alice Hasters entlarvt die Klimakrise eigentlich das Scheitern hierarchischer Systeme. Trotzdem halten mächtige Kräfte daran fest – und lenken uns ab. Die Selbsterzählung vom „demokratisch-freiheitlichen Westen“ bröckelt gerade in dem Versuch, sie aufrechtzuerhalten.

Dabei entsteht, so Constanze Kurz, unter dem Radar eine neue Massenüberwachung: automatisierte Datenanalyse, biometrische Erkennung, Vorratsdatenspeicherung. Gleichzeitig werden die Räume enger, in denen wir uns organisieren und kommunizieren können.

Was gibt Hoffnung? Strategien gegen die Ohnmacht

Verbündete suchen – aber richtig! Echte Allianzen entstehen nicht durch identische Meinungen, sondern durch geteilte Grundwerte. Man kann sich in vielem uneinig sein und trotzdem zusammenarbeiten. Die Zivilgesellschaft vernetzt sich zunehmend – Hacker interessieren sich für Nachhaltigkeit, Klimaaktivisten für digitale Rechte. Die Politik spielt aber Menschen gegeneinander aus: „der Autofahrer“ gegen „die Klimaschützerin“. In Wirklichkeit haben Menschen viele Interessen gleichzeitig. Dieses Aufbrechen der „Singularitäten“ ist radikal.

Gefühle zulassen! Die Welt erwartet emotionale Verkümmerung. Aber weiterzufühlen – Schmerz, Mitgefühl, Verzweiflung – ist ein Akt des Widerstands. Hoffnung und Verzweiflung sind keine Gegensätze; sie treten oft gemeinsam auf. Neubauer: „wir sollen weniger fühlen, weil das jemanden triggern könnte. Lieber nicht, denn das ist gerade nicht das Thema“ … wird dann zur Schere im Kopf.

Vertrauen wagen! Es herrscht eine „Hegemonie des Misstrauens“. Aber ohne ein gewisses Grundvertrauen – in andere, in die Möglichkeit von Veränderung – bleiben wir isoliert. Vertrauen ist keine Garantie, sondern eine Praxis. „Misstrauen gegen alles, Wissenschaft Menschen Politik, führt irgendwann zum Misstrauen gegen sich“ (Emke)

Humor und Fakten bewahren! Constanze Kurz betont: Aktivismus ist auch Anti-Ohnmacht. Und gegen ideologischen Unsinn helfen Sachverstand, Durchblick – und Humor. Denn nichts mögen Autoritäre weniger als Menschen, die sich nicht einschüchtern lassen.

Die emotionale Dimension

Beeindruckend war für mich die Offenheit der Rednerinnen. Carolin Emcke sprach offen über Erschöpfung und die Frage, wann man sich Müdigkeit erlauben darf. Ihr Schlüsselmoment: Sie las den Panel-Titel zunächst als „Never gonna give up“ und dachte: Manchmal kann ich nicht mehr. Dann las sie richtig: „Never gonna give you up“ – und erkannte: „So lange es doch ein you gibt, es Menschen gibt, die mich brauchen, werde ich nicht aufgeben.“ „Wir müssen uns verbünden zur Seite mit denen die auch kämpfen und nach vorne und hinten, auch in Geschichte.“

Theresa Brückner fasste das Panel so zusammen: Ein Satz zieht sich durch das ganze Panel: „nicht alleine bleiben“. Das bedeutet nicht die komplett gleiche Meinung zu haben, sondern auch Ambivalenzen auszuhalten, ohne, dass das bedeutet, eigene Werte aufzugeben. Nicht alleine bleiben mit der Angst. Nicht mit der Erschöpfung. Nicht mit dem Schmerz darüber, wie Menschen hierarchisiert werden. Es geht um Mut. Darum , Zeugnis abzulegen. Darum, sich Kommunikation wieder anzueignen, gerade auch digitale.

Blick nach vorne: Wie sieht 2036 aus?

Zum Schluss forderte Moderatorin Isabella Hermann zum Blick in die Zukunft in zehn Jahren auf. Luisa Neubauer: „Wir sind da. Wir haben unseren Humor nicht verloren. Zynismus ist nicht realistisch – gelebte Hoffnung ist es.“ Carolin Emcke: „Wir dürfen das utopische Denken nicht den Rechten überlassen.“ Alice Hasters: „2036 kommt – ob wir wollen oder nicht. Also gestalten wir es.“ Constanze Kurz: „Entweder bin ich dann noch optimistische Erklärbärin – oder im Widerstand und zünde KI-Rechenzentren an.“

Mein Merksatz: Solidarität heißt nicht, alle gleich zu sein – sondern füreinander einzustehen. Der Staffelstab wurde uns übergeben. Wer sind wir, ihn nicht weiterzutragen?

Trotz allem: Hoffnung Europa? Angela Merkel im Interview

Eine der viel beachteten aber auf Stage 5 hoffnungslos überfüllten Veranstaltungen war das Interview von Bundeskanzlerin a. D. Angela Merkel mit Markus Preiß (Studioleiter und Chefredakteur Fernsehen, ARD‑Hauptstadtstudio) und mit den Hosts des „0630“-Podcasts, Caro Bredendiek und Florian Gregorzyk. Lohnt sich, anzusehen.

Das verbiete ich dir!!1!1! – Australiens Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige: erste Fakten statt Bauchgefühl

Dieses Panel der parallel stattfindenden Tincon, der Messe für Jugendliche ab 14, wagte einen ehrlichen Blick auf ein viel diskutiertes Thema: das Social-Media-Verbot für unter 16-jährige.

Theresa Brückner notierte als wichtige Gedanken: „Die Debatte wird vor allem von Erwachsenen geführt. Dabei gibt es keine eindeutige Evidenz, dass ein Verbot wirklich hilft. 70% der Jugendlichen sind trotzdem weiter auf Social Media Punkt über Fake Account, Umgehungen der Altersgrenzen und andere Wege. Das Problem verschwindet also nicht. Die Verantwortung wird nur auf die verschoben, die eigentlich geschützt werden sollten. Stattdessen wurde deutlich: Jugendliche brauchen Medienkompetenz (Erwachsene sehr oft auch), digitale Teilhabe und ernsthafte Unterstützung. Eine 17.jährige sagte: der Umgang damit muss erlernt werden. Ein Verbot hilft nicht.“

Theresa Brückners Fazit: „Jugendliche fühlen sich mit multiplen Krisen alleine gelassen, nicht ernst genommen, ausgeschlossen. Plattformen müssen viel stärker in Verantwortung genommen werden für suchtmachende Mechanismen, problematische Inhalte und körperbezogenen Content.“

Ich würde ergänzen: Es braucht ein Smartphone-Verbot für alle Kinder unter sechs, denen Eltern zum Ruhigstellen das Handy in die Hand drücken. Keine Bildschirme auf Rücksitzen von Familien-Autos. Und generell Social Media, die ohne Algorithmus auskommen.

Zu diesem Panel gibt es noch kein Video

Streiten wir noch – oder hassen wir schon? Alena Buyx , Heidi Reichinnek und Markus Blume im Gespräch mit Michel Friedman

Dieses Panel war sehenswert aber verfehlte meine Erwartungen. Michael Friedmann war mehr an seinen Fragen interessiert als an den Antworten seiner Gesprächspartner:innen. Und Markus Blume verpasste wieder einmal die Gelegenheit, den Unvereinbarkeitsbeschluss der CSU mit Afd und Linken zu revidieren. Die ausgestreckte Hand von Heidi Reichinnek blieb unerwidert.

Als wortmächtiges Aufeinandertreffen und gepflegtes Nebeneinander kluger Gedanken ist es aber sehenswert.

Die Kunst des Zuhörens und das große Rauschen – Bernhard Pörksen

Eine verlässliche Größe auf der re:publica ist der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Dieses Mal zeigte wortgewaltig, welche Mechanismen das Zuhören verhindern – im großen Rauschen der digitalen Öffentlichkeit und im Angesicht von Krisen, Missbrauch und Gewalt. Wie erreicht man, so lautet die Schlüsselfrage, diejenigen, die man nicht mehr erreicht?

Mein Lernsatz: Lebensnarben sind wie ein Organ des Zuhörens.

Zu diesem Panel gibt es leider noch kein Video

KI und der neue Faschismus – Rainer Mühlhoff

Rainer Mühlhoff analysierte in seinem Panel: Big Tech macht gemeinsame Sache mit ultra-rechter Politik, KI wird zur Infrastruktur staatlicher Macht. KI-Ideologien liefern Heilsversprechen und legitimieren Ausbeutung und Hierarchien. Das kann in einen neuen Faschismus führen, wenn wir nicht die Macht der KI-Industrie demokratisch kontrollieren.

Theresa Brückner notierte dazu auf Insta (@theresaliebt): „Wir müssen aufhören zu glauben dass KI all unsere Probleme lösen wird. Denn Big Tech und ultra-rechte Politik arbeiten zunehmend zusammen. KI wird nicht nur als Technologie verstanden, sondern als Infrastruktur von Macht. Dabei enstehen Heilsversprechen: mehr Effizienz, mehr Ordnung, mehr Kontrolle. Aber genau dadurch werden auch Ausbeutung, Ungleichheit und Hierarchie legitimiert. Die Warnung war deutlich: wenn die Macht der KI-Industrie nicht demokratisch kontrolliert wird, kann daraus eine neue Form von Autoritarismus entstehen.“

Gegenstrategien zum Frauenhass -Ingrid Brodnig

Auch Ingrid Brodnig gehört für mich zu den Pflichtterminen auf jeder re:publica. Messerscharfe Analyse und klare Forderungen bringen mich jedes Mal weiter. Theresa Brückner notiert: „Frauen wird digital anders gedroht als Männern. Sie wachsen anders auf. Sie lernen, dass sie jederzeit auf dem Heimweg Gewalt erleben können. Und dann wundert man sich dass Frauen sich aus digitalen Diskussionen schneller zurückziehen. In den immer wiederkehrenden Beleidigungen und Bedrohungen werden immer wieder Hierarchien ganz klar gemacht“

Als Gegenstrategie empfiehlt Brodnig: Auf einen Hass-Post mit Einordnung oder Spezialwissen reagieren. Klare Fälle zeigen und nachvollziehbare Beispiele benennen. So zeigt Collin Fernandez klar, was Deepfakes für eine Frau bedeuten. Sekundäre Viktimisierung bekämpfen durch Solidarisierung. „Wir können ein Kollektiv sein. Und wir können an der roten Linie festhalten, dass das eben nicht Normalität sein kann.“

Fiebertraum ESC: Wie politisch darf der Eurovision Song Contest sein?

Das letzte Panel des Montags war dann eher der Übergang in die Abendunterhaltung. Daniel Kähler und Dominik Rzepka analysierten den diesjährigen ESC und seine Abhängigkeiten. Denn die Teilnahme Israels hatten einige der großen ESC-Teilnehmerländer mit Boykott beantwortet.

Ich habe an diesem Abend gelernt: der ESC ist in erster Linie ein Wettbewerb der beteiligten Fernsehanstalten und weniger ein Länderwettbewerb. Die in der European Broadcasting Union (EBU) – der ESC-Veranstalterin – zusammen geschlossenen Sender gehen dabei über Europa hinaus und – funfact – sind eher mit den Grenzen des römischen Reiches vergleichbar. Derzeit sind es 68 Rundfunkanstalten in 56 Staaten Europas, Nordafrikas (!) und Vorderasiens (!). Australien würde dennoch da nicht dazugehören.

Spannend wurde es bei den Statements der EBU zu den Kriegen in der Ukraine und in Israel. Während man klare Worte zu Russland fand, waren die Statements gegenüber Israel zurückhaltender. Vielleicht auch, weil mit „KAN“, der Israeli Public Broadcasting Corporation, eine im Land sehr kritische Stimme in der EBU vertreten ist. Mehr dazu im – mindestens für ESC-Fans – sehr unterhaltsamen Video

re:publica-Kirchentreff

Die Abendgestaltung organisierte wie auch in den Vorjahren EKHN-Kollege Lutz Neumeier mit einem get-together im Yorck-Schlösschen. Ein sehr lohender Pflichttermin!

Echt jetzt? Was Deepfakes mit Menschen, Marken und Marketing machen. Und was dagegen hilft! – Eckart von Hirschhausen , Chan-jo Jun , Jessica Flint

Bei diesem ersten Panel am Dienstag hatte ich zwiespältige Gefühle: zum einen wiederholte Eckart von Hirschhausen weite Teile seiner eigentlich sehr sehenswerten ARD-Dokumentation . Zum gemeinsamen Fernsehen brauche ich aber kein eigenes Panel.

Zum anderen war sein Kampf gegen Deepfakes eben auch Vermännlichung eines Themas, das oft Frauen betrifft, jetzt aber – weil von einem Mann präsentiert – mehr Glaubwürdigkeit verliehen bekommt. Auch eine Form des mansplainings. Ermüdend waren zudem die einstudiert wirkenden Dialoge der der Protaginist:innen, die ich eigentlich sehr schätze.

Aber vielleicht war ich einfach nicht der richtige Zuhörer. Sehenswert, in jedem Fall als Erstbegegnung mit dem Fall, war es sicherlich. Denn deepfakes rütteln an den Grundfesten menschlicher Kommunikation: „Was ich mit eigenen Augen gesehen habe, glaube ich!“. Das gilt so nicht mehr.

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Autor: christophbreit

Christoph Breit ist Digitalpionier und Pfarrer.

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