re:publica26 – Highlights and learnings

Die Teilnahme an der re:publica ist immer wieder auch ein Besuch in einer Gesellschaft, wie ich sie mir wünsche: gleichberechtigt, divers, innovativ und achtsam. Damit ist das Festival für die digitale Gesellschaft auch ein guter Ort, in der man sich selber wieder ein bisschen neu einordnen kann, ein Lernort der eigenen Weiter-Entwicklung. Nicht nur einmal musste ich auch dieses Jahr erkennen: du musst weiter an dir arbeiten und auch – ja auch das – manche patriarchale Denke ist noch in mir. Und gehört da nicht mehr hin!

Wichtig ist die re:publica auch als Ort für #digitalekirche. Auf keiner anderen Konferenz trifft man so viele Akteur:innen der Digitalität aus dem Raum von Kirche und Diakonie. Auffallend dieses Jahr. Das „wir müssen sparen“ führt dazu, dass deutlich weniger churchis nach Berlin kommen durften. Teilweise wurde pro Redaktion nur einer/einem die Teilnahme erlaubt, manche mussten ganz wegbleiben oder – wie in meinem Fall- die Teilnahme erstmals privat mitfinanzieren. Kirche schmort dann zunehmend im eigenen Saft und beraubt sich der Einflüsse anderer. Ein Irrweg.

Dagegen hilft nur Vernetzung! Danke deswegen auch an Theresa Brückner (@theresaliebt) die mir erlaubt, auch ihre Notizen in diesem Blogpost zu nutzen.

Never Gonna Give (You) Up – Warum wir immer weiter machen

Gleich das erste Panel war auch Lernort für mich. Angesichts multipler Krisen diskutierten Klimaaktivistin Luisa Neubauer (Fridays for Future), Philosophin und Publizistin Carolin Emcke, Publizistin und Podcasterin Alice Hasters und Informatikerin Constanze Kurz (Sprecherin des Chaos Computer Clubs) über Engagement, Verantwortung und die Kunst des Durchhaltens.

Die Problemanalyse: Was läuft schief?

Für Luisa Neubauer ist die Lage ist bedrohlicher, als die meisten ahnen. Um das Ausmaß zu ignorieren, werden wissenschaftliche Erkenntnisse diskreditiert, Gerichtsurteile übergangen – und von uns allen wird eine „globale Apathie“ erwartet. Was als Emissionsproblem begann, ist längst eine Menschheitskrise. „Die Welt wird als Bühne betrachtet und nicht als lebendiger Organismus.“

Carolin Emcke stellte autoritäre Entwicklungen in den Vordergrund: Weltweit erleben wir einen Angriff auf gemeinsame Normen: Völkerrecht, Menschenrechte, geteilte Wirklichkeit. Menschen werden hierarchisiert – nicht alle Körper, nicht alle Arten zu leben und zu lieben zählen gleich. Das geschieht durch permanentes Herabsetzen und die Aushöhlung einer gemeinsamen Faktenbasis. „Es gibt anerkannte tote Winkel der Empathie. Und Rechte werden nicht mal mehr subtil, sondern offen untergraben.“

Für Alice Hasters entlarvt die Klimakrise eigentlich das Scheitern hierarchischer Systeme. Trotzdem halten mächtige Kräfte daran fest – und lenken uns ab. Die Selbsterzählung vom „demokratisch-freiheitlichen Westen“ bröckelt gerade in dem Versuch, sie aufrechtzuerhalten.

Dabei entsteht, so Constanze Kurz, unter dem Radar eine neue Massenüberwachung: automatisierte Datenanalyse, biometrische Erkennung, Vorratsdatenspeicherung. Gleichzeitig werden die Räume enger, in denen wir uns organisieren und kommunizieren können.

Was gibt Hoffnung? Strategien gegen die Ohnmacht

Verbündete suchen – aber richtig! Echte Allianzen entstehen nicht durch identische Meinungen, sondern durch geteilte Grundwerte. Man kann sich in vielem uneinig sein und trotzdem zusammenarbeiten. Die Zivilgesellschaft vernetzt sich zunehmend – Hacker interessieren sich für Nachhaltigkeit, Klimaaktivisten für digitale Rechte. Die Politik spielt aber Menschen gegeneinander aus: „der Autofahrer“ gegen „die Klimaschützerin“. In Wirklichkeit haben Menschen viele Interessen gleichzeitig. Dieses Aufbrechen der „Singularitäten“ ist radikal.

Gefühle zulassen! Die Welt erwartet emotionale Verkümmerung. Aber weiterzufühlen – Schmerz, Mitgefühl, Verzweiflung – ist ein Akt des Widerstands. Hoffnung und Verzweiflung sind keine Gegensätze; sie treten oft gemeinsam auf. Neubauer: „wir sollen weniger fühlen, weil das jemanden triggern könnte. Lieber nicht, denn das ist gerade nicht das Thema“ … wird dann zur Schere im Kopf.

Vertrauen wagen! Es herrscht eine „Hegemonie des Misstrauens“. Aber ohne ein gewisses Grundvertrauen – in andere, in die Möglichkeit von Veränderung – bleiben wir isoliert. Vertrauen ist keine Garantie, sondern eine Praxis. „Misstrauen gegen alles, Wissenschaft Menschen Politik, führt irgendwann zum Misstrauen gegen sich“ (Emke)

Humor und Fakten bewahren! Constanze Kurz betont: Aktivismus ist auch Anti-Ohnmacht. Und gegen ideologischen Unsinn helfen Sachverstand, Durchblick – und Humor. Denn nichts mögen Autoritäre weniger als Menschen, die sich nicht einschüchtern lassen.

Die emotionale Dimension

Beeindruckend war für mich die Offenheit der Rednerinnen. Carolin Emcke sprach offen über Erschöpfung und die Frage, wann man sich Müdigkeit erlauben darf. Ihr Schlüsselmoment: Sie las den Panel-Titel zunächst als „Never gonna give up“ und dachte: Manchmal kann ich nicht mehr. Dann las sie richtig: „Never gonna give you up“ – und erkannte: „So lange es doch ein you gibt, es Menschen gibt, die mich brauchen, werde ich nicht aufgeben.“ „Wir müssen uns verbünden zur Seite mit denen die auch kämpfen und nach vorne und hinten, auch in Geschichte.“

Theresa Brückner fasste das Panel so zusammen: Ein Satz zieht sich durch das ganze Panel: „nicht alleine bleiben“. Das bedeutet nicht die komplett gleiche Meinung zu haben, sondern auch Ambivalenzen auszuhalten, ohne, dass das bedeutet, eigene Werte aufzugeben. Nicht alleine bleiben mit der Angst. Nicht mit der Erschöpfung. Nicht mit dem Schmerz darüber, wie Menschen hierarchisiert werden. Es geht um Mut. Darum , Zeugnis abzulegen. Darum, sich Kommunikation wieder anzueignen, gerade auch digitale.

Blick nach vorne: Wie sieht 2036 aus?

Zum Schluss forderte Moderatorin Isabella Hermann zum Blick in die Zukunft in zehn Jahren auf. Luisa Neubauer: „Wir sind da. Wir haben unseren Humor nicht verloren. Zynismus ist nicht realistisch – gelebte Hoffnung ist es.“ Carolin Emcke: „Wir dürfen das utopische Denken nicht den Rechten überlassen.“ Alice Hasters: „2036 kommt – ob wir wollen oder nicht. Also gestalten wir es.“ Constanze Kurz: „Entweder bin ich dann noch optimistische Erklärbärin – oder im Widerstand und zünde KI-Rechenzentren an.“

Mein Merksatz: Solidarität heißt nicht, alle gleich zu sein – sondern füreinander einzustehen. Der Staffelstab wurde uns übergeben. Wer sind wir, ihn nicht weiterzutragen?

Trotz allem: Hoffnung Europa? Angela Merkel im Interview

Eine der viel beachteten aber auf Stage 5 hoffnungslos überfüllten Veranstaltungen war das Interview von Bundeskanzlerin a. D. Angela Merkel mit Markus Preiß (Studioleiter und Chefredakteur Fernsehen, ARD‑Hauptstadtstudio) und mit den Hosts des „0630“-Podcasts, Caro Bredendiek und Florian Gregorzyk. Lohnt sich, anzusehen.

Das verbiete ich dir!!1!1! – Australiens Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige: erste Fakten statt Bauchgefühl

Dieses Panel der parallel stattfindenden Tincon, der Messe für Jugendliche ab 14, wagte einen ehrlichen Blick auf ein viel diskutiertes Thema: das Social-Media-Verbot für unter 16-jährige.

Theresa Brückner notierte als wichtige Gedanken: „Die Debatte wird vor allem von Erwachsenen geführt. Dabei gibt es keine eindeutige Evidenz, dass ein Verbot wirklich hilft. 70% der Jugendlichen sind trotzdem weiter auf Social Media Punkt über Fake Account, Umgehungen der Altersgrenzen und andere Wege. Das Problem verschwindet also nicht. Die Verantwortung wird nur auf die verschoben, die eigentlich geschützt werden sollten. Stattdessen wurde deutlich: Jugendliche brauchen Medienkompetenz (Erwachsene sehr oft auch), digitale Teilhabe und ernsthafte Unterstützung. Eine 17.jährige sagte: der Umgang damit muss erlernt werden. Ein Verbot hilft nicht.“

Theresa Brückners Fazit: „Jugendliche fühlen sich mit multiplen Krisen alleine gelassen, nicht ernst genommen, ausgeschlossen. Plattformen müssen viel stärker in Verantwortung genommen werden für suchtmachende Mechanismen, problematische Inhalte und körperbezogenen Content.“

Ich würde ergänzen: Es braucht ein Smartphone-Verbot für alle Kinder unter sechs, denen Eltern zum Ruhigstellen das Handy in die Hand drücken. Keine Bildschirme auf Rücksitzen von Familien-Autos. Und generell Social Media, die ohne Algorithmus auskommen.

Zu diesem Panel gibt es noch kein Video

Streiten wir noch – oder hassen wir schon? Alena Buyx , Heidi Reichinnek und Markus Blume im Gespräch mit Michel Friedman

Dieses Panel war sehenswert aber verfehlte meine Erwartungen. Michael Friedmann war mehr an seinen Fragen interessiert als an den Antworten seiner Gesprächspartner:innen. Und Markus Blume verpasste wieder einmal die Gelegenheit, den Unvereinbarkeitsbeschluss der CSU mit Afd und Linken zu revidieren. Die ausgestreckte Hand von Heidi Reichinnek blieb unerwidert.

Als wortmächtiges Aufeinandertreffen und gepflegtes Nebeneinander kluger Gedanken ist es aber sehenswert.

Die Kunst des Zuhörens und das große Rauschen – Bernhard Pörksen

Eine verlässliche Größe auf der re:publica ist der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Dieses Mal zeigte wortgewaltig, welche Mechanismen das Zuhören verhindern – im großen Rauschen der digitalen Öffentlichkeit und im Angesicht von Krisen, Missbrauch und Gewalt. Wie erreicht man, so lautet die Schlüsselfrage, diejenigen, die man nicht mehr erreicht?

Mein Lernsatz: Lebensnarben sind wie ein Organ des Zuhörens.

Zu diesem Panel gibt es leider noch kein Video

KI und der neue Faschismus – Rainer Mühlhoff

Rainer Mühlhoff analysierte in seinem Panel: Big Tech macht gemeinsame Sache mit ultra-rechter Politik, KI wird zur Infrastruktur staatlicher Macht. KI-Ideologien liefern Heilsversprechen und legitimieren Ausbeutung und Hierarchien. Das kann in einen neuen Faschismus führen, wenn wir nicht die Macht der KI-Industrie demokratisch kontrollieren.

Theresa Brückner notierte dazu auf Insta (@theresaliebt): „Wir müssen aufhören zu glauben dass KI all unsere Probleme lösen wird. Denn Big Tech und ultra-rechte Politik arbeiten zunehmend zusammen. KI wird nicht nur als Technologie verstanden, sondern als Infrastruktur von Macht. Dabei enstehen Heilsversprechen: mehr Effizienz, mehr Ordnung, mehr Kontrolle. Aber genau dadurch werden auch Ausbeutung, Ungleichheit und Hierarchie legitimiert. Die Warnung war deutlich: wenn die Macht der KI-Industrie nicht demokratisch kontrolliert wird, kann daraus eine neue Form von Autoritarismus entstehen.“

Gegenstrategien zum Frauenhass -Ingrid Brodnig

Auch Ingrid Brodnig gehört für mich zu den Pflichtterminen auf jeder re:publica. Messerscharfe Analyse und klare Forderungen bringen mich jedes Mal weiter. Theresa Brückner notiert: „Frauen wird digital anders gedroht als Männern. Sie wachsen anders auf. Sie lernen, dass sie jederzeit auf dem Heimweg Gewalt erleben können. Und dann wundert man sich dass Frauen sich aus digitalen Diskussionen schneller zurückziehen. In den immer wiederkehrenden Beleidigungen und Bedrohungen werden immer wieder Hierarchien ganz klar gemacht“

Als Gegenstrategie empfiehlt Brodnig: Auf einen Hass-Post mit Einordnung oder Spezialwissen reagieren. Klare Fälle zeigen und nachvollziehbare Beispiele benennen. So zeigt Collin Fernandez klar, was Deepfakes für eine Frau bedeuten. Sekundäre Viktimisierung bekämpfen durch Solidarisierung. „Wir können ein Kollektiv sein. Und wir können an der roten Linie festhalten, dass das eben nicht Normalität sein kann.“

Fiebertraum ESC: Wie politisch darf der Eurovision Song Contest sein?

Das letzte Panel des Montags war dann eher der Übergang in die Abendunterhaltung. Daniel Kähler und Dominik Rzepka analysierten den diesjährigen ESC und seine Abhängigkeiten. Denn die Teilnahme Israels hatten einige der großen ESC-Teilnehmerländer mit Boykott beantwortet.

Ich habe an diesem Abend gelernt: der ESC ist in erster Linie ein Wettbewerb der beteiligten Fernsehanstalten und weniger ein Länderwettbewerb. Die in der European Broadcasting Union (EBU) – der ESC-Veranstalterin – zusammen geschlossenen Sender gehen dabei über Europa hinaus und – funfact – sind eher mit den Grenzen des römischen Reiches vergleichbar. Derzeit sind es 68 Rundfunkanstalten in 56 Staaten Europas, Nordafrikas (!) und Vorderasiens (!). Australien würde dennoch da nicht dazugehören.

Spannend wurde es bei den Statements der EBU zu den Kriegen in der Ukraine und in Israel. Während man klare Worte zu Russland fand, waren die Statements gegenüber Israel zurückhaltender. Vielleicht auch, weil mit „KAN“, der Israeli Public Broadcasting Corporation, eine im Land sehr kritische Stimme in der EBU vertreten ist. Mehr dazu im – mindestens für ESC-Fans – sehr unterhaltsamen Video

re:publica-Kirchentreff

Die Abendgestaltung organisierte wie auch in den Vorjahren EKHN-Kollege Lutz Neumeier mit einem get-together im Yorck-Schlösschen. Ein sehr lohender Pflichttermin!

Echt jetzt? Was Deepfakes mit Menschen, Marken und Marketing machen. Und was dagegen hilft! – Eckart von Hirschhausen , Chan-jo Jun , Jessica Flint

Bei diesem ersten Panel am Dienstag hatte ich zwiespältige Gefühle: zum einen wiederholte Eckart von Hirschhausen weite Teile seiner eigentlich sehr sehenswerten ARD-Dokumentation . Zum gemeinsamen Fernsehen brauche ich aber kein eigenes Panel.

Zum anderen war sein Kampf gegen Deepfakes eben auch Vermännlichung eines Themas, das oft Frauen betrifft, jetzt aber – weil von einem Mann präsentiert – mehr Glaubwürdigkeit verliehen bekommt. Auch eine Form des mansplainings. Ermüdend waren zudem die einstudiert wirkenden Dialoge der der Protaginist:innen, die ich eigentlich sehr schätze.

Aber vielleicht war ich einfach nicht der richtige Zuhörer. Sehenswert, in jedem Fall als Erstbegegnung mit dem Fall, war es sicherlich. Denn deepfakes rütteln an den Grundfesten menschlicher Kommunikation: „Was ich mit eigenen Augen gesehen habe, glaube ich!“. Das gilt so nicht mehr.

BlogTipp „Zeilingers Zeilen“

Wer Buchbesprechungen und Information aus dem Fachbereich Ethik finden will, für den ist der Blog des ELKB-Ethik-Beauftragten Thomas Zeilinger. Auf ethik-zeilen.de findet ihr seine Gedanken zu Themen rund um den Dialog zwischen Ethik und Technologie. Im Mittelpunkt seines Nachdenkens stehen derzeit vor allem die Folgen der Digitalisierung für Glauben und Leben.

Heilig, christlich, smart?

Häufig begegnet man auf Tagungen zu Kirche und digitalen Wandel dem täglich grüßenden Murmeltier, das die scheinbar schwer zu überwindende Liturgie der Frage nach der ethischen Bewertung der Digitalisierung anstimmt. Mit dem Kyrieruf, das Kirche ja gerne mal zu spät sei, technischen Wandel verschlafe und man das mit der Digitalisierung jetzt nicht auch noch machen könnte. Und dem Gloria, dass in Wirklichkeit anderes zähle, dass ja im Digital auch so viele Chancen liegen, die darauf warten von uns zur Kommunikation des Evangeliums in Dienst genommen werden. Die Tagung „Heilig, christlich, smart? Digitale Kommunikation als kirchliche Herausforderung“ in der Evangelischen Akademie Loccum schaffte es wohltuend, erstmals einen oder – das wird sich noch zeigen – mehrere Schritte weiter zu kommen. Verantwortlich waren dafür Dr. Julia Koll, Jonas Bedford-Strohm und Prof. Alexander Filipovic, die ein hochkarätiges und kluges Panel zusammengestellt haben und das Programm gut gelaunt und motivierend durchzogen. Der Schatz der Heiligen der #digitalenKirche wurde größer. Danke!

UPDATE: Mittlerweile haben auch andere über die Tagung berichtet:

Philipp Greifenstein im Magazin „die Eule“
Markus Bechtold auf evangelisch.de
und nicht als Bericht sondern als Kommentar Knut Dahl-Ruddies in einem Pastorenstückchen

Und hier nun ein paar meiner privaten Aufzeichnungen und Erkenntnisse:

Mediatisierung und Digitalisierung

Der Einstieg erschien mir noch etwas murmeltierig. Da ich „Mediatisierung der Kommunikation und ihre Folgen für Religion und Religiosität von PD Dr. Kristin Merle verpasst hatte (Ich hoffe, ich kann das in diesem Blogpost noch nachtragen), war das Podium zu „Digitalisierung als kirchlicher Kulturwandel: Über Hindernisse, Hoffnungen und theologische Kriterien“ mit Prof. Dr. Johanna Haberer, Kirchenpräsident Dr. Volker Jung und Klaus Motoki Tonn mein Einstieg. Bei aller Wertschätzung war da viel Bekanntes zu hören. Dass Digitalisierung jetzt so neu nicht sei. Dass trotzdem die Gefahren nicht zu unterschätzen seien. Dass in #digitaleKirche schon viel Gutes sei. Und dass Kirche da ihre ethische Stimme erheben müsse. Ja. Amen. Und? Vielleicht bin ich da mittlerweile etwas ungeduldig …

TwitterNeuLand

Ziemlich nahtlos folgte an die Diskussion die allabendliche Twomplet, diesmal aus der Kapelle in Loccum gebetet und auch da live und analog mitgefeiert. Für so manche war das eine Erstbegegnung mit OnlineGebet, erstaunlich, ungewohnt, seltsam. Und für einige auch interessant und berührend. Sind doch Twomplet und Twaudes seit vielen Jahren aktive Gebetsräume im Digitalen. Besonders die Selbstorganisation und die ökumenische Selbstverständlichkeit überzeugten dann manche.

Was bisher geschah und schon ist

Der Dienstag startete mit vier Workshops zu je einem Handlungsfeld unter der Überschrift „Wie verändern sich Kirche und Kirchenbilder durch digitale Formen der Kommunikation?“: „Mitbestimmung und politische Partizipation“ mit dem Hannoveraner OKR Fabian Spier, Kirchenentwicklung mit Sandra Bils von KircheHoch2, Einblicke in die Aktion „Kirchenbotschafter mit Kornelius Fürst, dem Thema „Seelsorge im virtuellen Raum“ mit Daniel Tietjen von der TelefonSeelsorge Elbe-Weser und einem Workshop zu Öffentlichkeitsarbeit mit meiner Wenigkeit. Beobachter*innen formulierten danach ihre Aha-Erlebnisse. Wenn sich in der Loccumer Dokumentation etwas dazu findet, trage ich das hier noch nach.

Saß und Höhne

Mein persönliches Highlight (außer dem Sieg der deutschen Mannschaft am Abend) war aber der Nachmittag mit drei äußerst klugen und inspirierenden Vorträgen, die das anfänglich erwähnte Murmeltier völlig vertrieben.

Prof. Dr. Marcel Saß aus Marburg lieferte „Christianity in the Digital Age – von Walnüssen, dem Vesuv und Johannes“ und erdete den theologischen Diskurs schon in der Vorbemerkung: „Was könnten Theologen zur Digitalisierung sagen? Wir wissen ja noch nicht einmal, wohin das führt!“ Auch wenn jeder technische Wandel immer auch Folgen für Glauben und Christentum hat, lägen wir am „Ende des Gutenbergzeitalters“ beim Thema Digitalisierung oft zwischen „Erlösung und Weltuntergang“. Wobei wir Evangelischen gerne und oft sehr zum Weltuntergang neigen würden. Treffer versenkt! Und weil er mit der Serie Startrek aufgewachsen ist, folgte als anschauliches Beispiel ein Ausschnitt, in der Captain Picard den Androiden „Data“ in einem Verfahren verteidigen muss, bei dem es um Datas Ende durch Zerlegung dieser Maschine und Analyse geht mit dem Ziel, aus den gewonnenen Erkenntnisse in die Massenproduktion von androider künstlicher Intelligenz-Wesen zu ermöglichen. Man könne Data doch mit Recht zerlegen, er sei ja kein Mensch. Hätte kein Selbstbewusstsein und könne nicht reflektieren. Hat er! Wies Picard nach und stellte in seiner Verteidigungsrede alle aktuell verhandelten Kritierien von KI und was der Mensch sei in Frage. In einer Fernsehserie der 90ger. Für Saß, der noch ein anderes Beispiel anführte der Beleg, dass philosophisches und theologisches Denken immer auch gebunden sei an die aus der Vergangenheit kommenden Kriterien und Strukturen. Und jede Veränderung eben auch die Kriterien des Denkens und Urteilens in Frage stelle.

Beschrieb man in der Renaissance verschiedene Dinge anhand ihrer Ähnlichkeit (Walnüsse waren auf Grund ihrer Ähnlichkeit gut fürs Gehirn), würden im Digitalen Zeitalter die klassischen Humanistischen Vorstellungen in Frage gestellt. „Epistemologisch geraten im Digital Age für eine theologische Anthropologie grundlegende Kategorien wie Mensch, Subjekt, Individualität unter Druck. Sie wurden allesamt wesentlich in der Aufklärung geformt – wie übrigens auch der Begriff Religion.“

Dass die Reformation durch Johannes Gutenberg auch eine Medienrevolution war, zitierte auch Saß. Neu für mich war die Erkenntnis, dass statt der erhofften und proparierten Verbreitung des Wortes Gottes eigentlich die Bedeutung des Buches vergrößert wurde. Eine Entwicklung, die aus meiner Sicht im Priorat des Gedruckten heute noch in der Kirche vorfindlich ist. Seine Schlussfolgerungen: „Religion ist ein kommunikatives Phänomen. Statt verfallstheoretisch zu argumentieren, gilt es beherzt, die Chancen kommunikativer Transformation zu entdecken.“ Denn: „Religion ist immer medial vermittelt. Das müssen wir ernst nehmen.“ Und: „Gemeinschaft verändert sich. Kirchliche Verbindlichkeitsmodelle stehen in Frage. Dem müssen wir uns stellen.

Durch die rosa Brille

Unabgesprochen kongenial schloss sich Florian Höhne mit seinem Impuls „Kirche im digitalen Wandel“ an. Er setzte sich die rosa Brille auf und sah in Facebook eigentlich das Idealbild von Evangelischer Kirche: Alle wären vernetzt, teilten das Leben und beglückten sich gegenseitig. Eine achtsame weltweite Gemeinschaft von Millionen Menschen. Aber: Warum ist dann Facebook keine Erfindung der Evangelische Kirche? (NB: Initiativen für ein „evangelisches Facebook“ gab es schon. Sie sind aber gescheitert). Für die Beschäftigung mit dem Thema diagnostizierte Höhne das Gegenüberstehen von Medien und Kirche als leitendes Bild. Das falsch sei. Denn Kirchliches Handeln ist immer schon mediales Handeln und das Gegenüber muss immer konstruiert, werden um sich dazu verhalten zu können. Wer auf dem Gegenüber beharre, suche nur  nach einer Legitimation der eigene kritischen Position.

„Kirche“ habe, so Höhne mit Reuter, in theologischer Perspektiven einen dreifachen Sinn: im dogmatischen Sinn bezieht sich Kirche auf die Gemeinschaft der Glaubenden versammelt um das Evangelium bezeugt durch Jesus Christus. So ist Kirche immer auch schon mediale Kirche und geistgewirktes Medienereignis. Kirche im ethischen Sinn beziehe sich auf Gemeinschaften zeige sich in deren Lebensvollzügen, die Teil des „Dienstes der Versöhnung“ sei. In dieser Dimension könne Kirche heute zum Beispiel zum Bildungslabor einer medialen Gesellschaft werden. Der im Blick auf die Digitalisierung widersprüchlichste Sinn von Kirche sei aber rechtliche. Als „partikularer christlicher Bekenntnisverband“ gewährten Kirchen hier Handlungsfähigkeit und trügen zur Verwirklichung des christlichen Auftrags bei. Kirche im juristischen Sinn sei aber eine Organisationsform, in der die anderen zwei Sinne von Kirche nicht aufgehen! Und gerade zur Kirche im rechtlichen Sinn ergeben sich Spannungen durch das Veränderungspotential des digitalen Wandels!

Positive Folgen des Digitalen Wandels waren für Höhne (im Anschluss an Felix Stalder, Kultur der Digitalität), dass Bedeutung hier entsteht durch Referenzialität, also durch das Teilen gemeinsamer Überzeugungen und das sich beziehen auf andere, auch auf andere Glaubenszeugen. Positiv auch die Gemeinschaftlichkeit, wie sie sich in Wikipedia. Wenn wie Kirche da als Netzwerk denken, würden pfarrerzentrierte Gemeindebilder verblassen und – was für ein Bezug! – Ernst Lange mit seinem „Gottesdienst als Gespräch“ wieder aktuell werden.

Herausforderungen für Kirche seien Algorithmizität und Sichtbarkeit. Denn dynamische Algorithmen  liefern jedem User sein eigenes Universum. Filterblasen schließen aber von Teilhabe aus. Hier ist Gerechtigkeitsauftrage der Kirche gefragt. In medialer Sichtbarkeit wird User*in im eignen Verhalten potentiell durch andere User*innen beobachtet und darin beurteilt. Die Rechtfertigungslehre gesteht diese Letztbeurteilung aber nur Gott zu. Kirche muss also Schutzräume für den Einzelnen schaffen.

Seine fünf Thesen zum Schluss:
1. Kommunikation in der Kirche entsteht und besteht, ist immer schon medial
2. Die Gegenüberstellung von Kirche einerseits und digitalen Medien andererseits lässt sich sinnvoll auf das Gegenüber von Kirche im Rechtssinn und digitalen Medien beziehen. Hier kommt es zu „Vibationen“, „Fremdprophetie“ und Gestaltungsmöglichkeiten.
3. Das Bild der „Kirche als Netzwerk“ kann partizipative Netzkommunikation im Digitalen befördern und steht gleichzeitig in der Gefahr, Machtverhältnisse und Exklusionen unsichtbar zu machen.
4. Vom Auftrag der Kommunikation des Evangeliums und zu einem entsprechenden Gerechtigkeits-, Solidaritäts- und Bildungshandeln her werden die Gemeinschaftlichkeit und Referenzialität in Netzkommunikationen vor allem zur Chancen, ihre Algorithmizität und Sichtbarkeit aber zur Gefahr.
5. Zukunftschancen der Kirche liegen nicht nur digitalen Techniken, sondern vor allem im Wuchern mit vorhandenen Pfunden der Präsenzkommunikation … schöner habe ich meine Forderung, Digitalisierung wo immer zu gestalten und dann das was analog bleiben wird und muss sorgfältig und liebevoll zum Blühen zu bringen im wissenschaftlichen Kontext noch nie gehört. Danke!

Vom Salz in der Digitalisierung

Noch vor dem Fußballabend und auch zur Beruhigung seiner eigenen Nerven wurde Prof. Dr. Alexander Filipovic vom Münchnen Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft ins Tagungsprogramm eingewechselt und lieferte mit „Das Salz der Digitalität?“ eine Einordnung der Rolle der Kirchen als Akteure im medienethischen Diskurs. Selten habe ich so einen unaufgeregten Beobachter kirchlicher Stellungnahmen und Positionen erlebt. Nach einem Überblick über katholische und evangelische Medienpapier (Besonders das jüngste katholische Papier ist sehr konkret und lesenswert) beschrieb Filipovic die Rollen von Kirche in der Digitalisierung dreifach: Kirche nutzen digitale Medien. Kirchen sind betroffen von digitalen Medien und technischen Innovationen. Und Kirchen reflektieren kritisch auf anthropologische und soziale Folgen der digitalen Medien im Rahmen ihres diakonischen Vollzugs. Jede der drei Rollen habe für Kirche Folgen für ihr Handeln in den anderen Rollen. So sei eine aktive Rolle der Kirche unerlässlich. Christen können „sich nicht auf der Tribüne der Geschichte aufstellen und ihren Heilsauftrag durch moralische Zwischenrufe in die Arena der scheinbar von allen guten Geistern verlassenen Zeitgenossenschaft abgelten.“ (Auer 1986, S. 434).

Fallstriche des kritischen öffentlichen Sprechens sind für Filipovic „die Idealisierung alter Zeiten, die eigene Rolle als kritische Instanz zu sehen, als apokalyptischer Verführer aufzutreten, in hilfloser Dialektik der „Chancen und Grenzen“ zu verbleiben (guter Punkt!) und als Kirche keine scharfen Profile zu entwickeln. Kritisches öffentliches Sprechen kann gelingen, wenn man niemals „früher …“ sagt, man Kritik aus den Potentialen einer guten Entwicklung ableiten kann und sich nicht vor den Karren von Bedenkenträgern spannen lässt und stattdessen in Szenarios denkt in der Unsicherheit, wie es ausgehen wird.  Ich denke an diesen Prämissen lässt sich künftiger kritischer Umgang mit der Digitalisierung leichter entwickeln.

Es geht weiter

Nach einem aufregenden Fußballabend startete Tag drei mit Ingo Dachwitz, der einen unter „Digital Roadmap – strategisch und theologisch“ einen Blick auf die Empfehlungen der EKD-Jugenddelegierten warf. Er forderte nach einem „Was bisher geschah“ und einer Kurzfassung der Jugendimpulse (zu finden auch auf dem Blog der EKDJugend http://ekdjugend.tumblr.com/) nun endlich Richtungsentscheidungen zu treffen: Transformieren wir ein bisschen oder richtig? Setzen wir auf Kontrolle oder auf Öffnung, auf Hierarchie oder Netzwerke? Arbeiten wir zusammen oder weiter jede nur für sich? Gestalten wir auch selbst oder reden wir nur? Wollen wir das Silicon Valley sein oder Berlin (als derzeit gefühlte Hauptstadt der Netzaktiven)? Und entwickeln wir eine Theologie des Digitalen oder nur Apps und Projekte? Deutlich dabei seine Forderung endlich nach einem ökumenischen Lehrstuhl für digitale Theologie.

Das in Richtung Konkretion zuführen übernahmen dann Hannovers Landessuperintendentin Dr. Petra Bahr und Dr. Michael Brinkmann. , Leiter der Stabsstelle Kommunikation im Kirchenamt der EKD. Eine unlösbare Aufgabe, in der ein bisschen wieder das Murmeltier grüßte, die aber jetzt (endlich einmal) digital aktive Protagonisten aufscheinen ließ. Brinkmann lieferte den hilfreichen Blick auf laufende EKD Prozesse und Bahr dokumentierte, dass auch in Leitungsverantwortlichkeit digitale Selbstverständlichkeit gibt. Ach wären doch mehr leitende Geistliche so up to date.

Fazit: Diese Loccumer Tagung kann #digitaleKirche weiterbringen. Man wird sehen, wie weit!