Heilig, christlich, smart?

Häufig begegnet man auf Tagungen zu Kirche und digitalen Wandel dem täglich grüßenden Murmeltier, das die scheinbar schwer zu überwindende Liturgie der Frage nach der ethischen Bewertung der Digitalisierung anstimmt. Mit dem Kyrieruf, das Kirche ja gerne mal zu spät sei, technischen Wandel verschlafe und man das mit der Digitalisierung jetzt nicht auch noch machen könnte. Und dem Gloria, dass in Wirklichkeit anderes zähle, dass ja im Digital auch so viele Chancen liegen, die darauf warten von uns zur Kommunikation des Evangeliums in Dienst genommen werden. Die Tagung „Heilig, christlich, smart? Digitale Kommunikation als kirchliche Herausforderung“ in der Evangelischen Akademie Loccum schaffte es wohltuend, erstmals einen oder – das wird sich noch zeigen – mehrere Schritte weiter zu kommen. Verantwortlich waren dafür Dr. Julia Koll, Jonas Bedford-Strohm und Prof. Alexander Filipovic, die ein hochkarätiges und kluges Panel zusammengestellt haben und das Programm gut gelaunt und motivierend durchzogen. Der Schatz der Heiligen der #digitalenKirche wurde größer. Danke!

UPDATE: Mittlerweile haben auch andere über die Tagung berichtet:

Philipp Greifenstein im Magazin „die Eule“
Markus Bechtold auf evangelisch.de
und nicht als Bericht sondern als Kommentar Knut Dahl-Ruddies in einem Pastorenstückchen

Und hier nun ein paar meiner privaten Aufzeichnungen und Erkenntnisse:

Mediatisierung und Digitalisierung

Der Einstieg erschien mir noch etwas murmeltierig. Da ich „Mediatisierung der Kommunikation und ihre Folgen für Religion und Religiosität von PD Dr. Kristin Merle verpasst hatte (Ich hoffe, ich kann das in diesem Blogpost noch nachtragen), war das Podium zu „Digitalisierung als kirchlicher Kulturwandel: Über Hindernisse, Hoffnungen und theologische Kriterien“ mit Prof. Dr. Johanna Haberer, Kirchenpräsident Dr. Volker Jung und Klaus Motoki Tonn mein Einstieg. Bei aller Wertschätzung war da viel Bekanntes zu hören. Dass Digitalisierung jetzt so neu nicht sei. Dass trotzdem die Gefahren nicht zu unterschätzen seien. Dass in #digitaleKirche schon viel Gutes sei. Und dass Kirche da ihre ethische Stimme erheben müsse. Ja. Amen. Und? Vielleicht bin ich da mittlerweile etwas ungeduldig …

TwitterNeuLand

Ziemlich nahtlos folgte an die Diskussion die allabendliche Twomplet, diesmal aus der Kapelle in Loccum gebetet und auch da live und analog mitgefeiert. Für so manche war das eine Erstbegegnung mit OnlineGebet, erstaunlich, ungewohnt, seltsam. Und für einige auch interessant und berührend. Sind doch Twomplet und Twaudes seit vielen Jahren aktive Gebetsräume im Digitalen. Besonders die Selbstorganisation und die ökumenische Selbstverständlichkeit überzeugten dann manche.

Was bisher geschah und schon ist

Der Dienstag startete mit vier Workshops zu je einem Handlungsfeld unter der Überschrift „Wie verändern sich Kirche und Kirchenbilder durch digitale Formen der Kommunikation?“: „Mitbestimmung und politische Partizipation“ mit dem Hannoveraner OKR Fabian Spier, Kirchenentwicklung mit Sandra Bils von KircheHoch2, Einblicke in die Aktion „Kirchenbotschafter mit Kornelius Fürst, dem Thema „Seelsorge im virtuellen Raum“ mit Daniel Tietjen von der TelefonSeelsorge Elbe-Weser und einem Workshop zu Öffentlichkeitsarbeit mit meiner Wenigkeit. Beobachter*innen formulierten danach ihre Aha-Erlebnisse. Wenn sich in der Loccumer Dokumentation etwas dazu findet, trage ich das hier noch nach.

Saß und Höhne

Mein persönliches Highlight (außer dem Sieg der deutschen Mannschaft am Abend) war aber der Nachmittag mit drei äußerst klugen und inspirierenden Vorträgen, die das anfänglich erwähnte Murmeltier völlig vertrieben.

Prof. Dr. Marcel Saß aus Marburg lieferte „Christianity in the Digital Age – von Walnüssen, dem Vesuv und Johannes“ und erdete den theologischen Diskurs schon in der Vorbemerkung: „Was könnten Theologen zur Digitalisierung sagen? Wir wissen ja noch nicht einmal, wohin das führt!“ Auch wenn jeder technische Wandel immer auch Folgen für Glauben und Christentum hat, lägen wir am „Ende des Gutenbergzeitalters“ beim Thema Digitalisierung oft zwischen „Erlösung und Weltuntergang“. Wobei wir Evangelischen gerne und oft sehr zum Weltuntergang neigen würden. Treffer versenkt! Und weil er mit der Serie Startrek aufgewachsen ist, folgte als anschauliches Beispiel ein Ausschnitt, in der Captain Picard den Androiden „Data“ in einem Verfahren verteidigen muss, bei dem es um Datas Ende durch Zerlegung dieser Maschine und Analyse geht mit dem Ziel, aus den gewonnenen Erkenntnisse in die Massenproduktion von androider künstlicher Intelligenz-Wesen zu ermöglichen. Man könne Data doch mit Recht zerlegen, er sei ja kein Mensch. Hätte kein Selbstbewusstsein und könne nicht reflektieren. Hat er! Wies Picard nach und stellte in seiner Verteidigungsrede alle aktuell verhandelten Kritierien von KI und was der Mensch sei in Frage. In einer Fernsehserie der 90ger. Für Saß, der noch ein anderes Beispiel anführte der Beleg, dass philosophisches und theologisches Denken immer auch gebunden sei an die aus der Vergangenheit kommenden Kriterien und Strukturen. Und jede Veränderung eben auch die Kriterien des Denkens und Urteilens in Frage stelle.

Beschrieb man in der Renaissance verschiedene Dinge anhand ihrer Ähnlichkeit (Walnüsse waren auf Grund ihrer Ähnlichkeit gut fürs Gehirn), würden im Digitalen Zeitalter die klassischen Humanistischen Vorstellungen in Frage gestellt. „Epistemologisch geraten im Digital Age für eine theologische Anthropologie grundlegende Kategorien wie Mensch, Subjekt, Individualität unter Druck. Sie wurden allesamt wesentlich in der Aufklärung geformt – wie übrigens auch der Begriff Religion.“

Dass die Reformation durch Johannes Gutenberg auch eine Medienrevolution war, zitierte auch Saß. Neu für mich war die Erkenntnis, dass statt der erhofften und proparierten Verbreitung des Wortes Gottes eigentlich die Bedeutung des Buches vergrößert wurde. Eine Entwicklung, die aus meiner Sicht im Priorat des Gedruckten heute noch in der Kirche vorfindlich ist. Seine Schlussfolgerungen: „Religion ist ein kommunikatives Phänomen. Statt verfallstheoretisch zu argumentieren, gilt es beherzt, die Chancen kommunikativer Transformation zu entdecken.“ Denn: „Religion ist immer medial vermittelt. Das müssen wir ernst nehmen.“ Und: „Gemeinschaft verändert sich. Kirchliche Verbindlichkeitsmodelle stehen in Frage. Dem müssen wir uns stellen.

Durch die rosa Brille

Unabgesprochen kongenial schloss sich Florian Höhne mit seinem Impuls „Kirche im digitalen Wandel“ an. Er setzte sich die rosa Brille auf und sah in Facebook eigentlich das Idealbild von Evangelischer Kirche: Alle wären vernetzt, teilten das Leben und beglückten sich gegenseitig. Eine achtsame weltweite Gemeinschaft von Millionen Menschen. Aber: Warum ist dann Facebook keine Erfindung der Evangelische Kirche? (NB: Initiativen für ein „evangelisches Facebook“ gab es schon. Sie sind aber gescheitert). Für die Beschäftigung mit dem Thema diagnostizierte Höhne das Gegenüberstehen von Medien und Kirche als leitendes Bild. Das falsch sei. Denn Kirchliches Handeln ist immer schon mediales Handeln und das Gegenüber muss immer konstruiert, werden um sich dazu verhalten zu können. Wer auf dem Gegenüber beharre, suche nur  nach einer Legitimation der eigene kritischen Position.

„Kirche“ habe, so Höhne mit Reuter, in theologischer Perspektiven einen dreifachen Sinn: im dogmatischen Sinn bezieht sich Kirche auf die Gemeinschaft der Glaubenden versammelt um das Evangelium bezeugt durch Jesus Christus. So ist Kirche immer auch schon mediale Kirche und geistgewirktes Medienereignis. Kirche im ethischen Sinn beziehe sich auf Gemeinschaften zeige sich in deren Lebensvollzügen, die Teil des „Dienstes der Versöhnung“ sei. In dieser Dimension könne Kirche heute zum Beispiel zum Bildungslabor einer medialen Gesellschaft werden. Der im Blick auf die Digitalisierung widersprüchlichste Sinn von Kirche sei aber rechtliche. Als „partikularer christlicher Bekenntnisverband“ gewährten Kirchen hier Handlungsfähigkeit und trügen zur Verwirklichung des christlichen Auftrags bei. Kirche im juristischen Sinn sei aber eine Organisationsform, in der die anderen zwei Sinne von Kirche nicht aufgehen! Und gerade zur Kirche im rechtlichen Sinn ergeben sich Spannungen durch das Veränderungspotential des digitalen Wandels!

Positive Folgen des Digitalen Wandels waren für Höhne (im Anschluss an Felix Stalder, Kultur der Digitalität), dass Bedeutung hier entsteht durch Referenzialität, also durch das Teilen gemeinsamer Überzeugungen und das sich beziehen auf andere, auch auf andere Glaubenszeugen. Positiv auch die Gemeinschaftlichkeit, wie sie sich in Wikipedia. Wenn wie Kirche da als Netzwerk denken, würden pfarrerzentrierte Gemeindebilder verblassen und – was für ein Bezug! – Ernst Lange mit seinem „Gottesdienst als Gespräch“ wieder aktuell werden.

Herausforderungen für Kirche seien Algorithmizität und Sichtbarkeit. Denn dynamische Algorithmen  liefern jedem User sein eigenes Universum. Filterblasen schließen aber von Teilhabe aus. Hier ist Gerechtigkeitsauftrage der Kirche gefragt. In medialer Sichtbarkeit wird User*in im eignen Verhalten potentiell durch andere User*innen beobachtet und darin beurteilt. Die Rechtfertigungslehre gesteht diese Letztbeurteilung aber nur Gott zu. Kirche muss also Schutzräume für den Einzelnen schaffen.

Seine fünf Thesen zum Schluss:
1. Kommunikation in der Kirche entsteht und besteht, ist immer schon medial
2. Die Gegenüberstellung von Kirche einerseits und digitalen Medien andererseits lässt sich sinnvoll auf das Gegenüber von Kirche im Rechtssinn und digitalen Medien beziehen. Hier kommt es zu „Vibationen“, „Fremdprophetie“ und Gestaltungsmöglichkeiten.
3. Das Bild der „Kirche als Netzwerk“ kann partizipative Netzkommunikation im Digitalen befördern und steht gleichzeitig in der Gefahr, Machtverhältnisse und Exklusionen unsichtbar zu machen.
4. Vom Auftrag der Kommunikation des Evangeliums und zu einem entsprechenden Gerechtigkeits-, Solidaritäts- und Bildungshandeln her werden die Gemeinschaftlichkeit und Referenzialität in Netzkommunikationen vor allem zur Chancen, ihre Algorithmizität und Sichtbarkeit aber zur Gefahr.
5. Zukunftschancen der Kirche liegen nicht nur digitalen Techniken, sondern vor allem im Wuchern mit vorhandenen Pfunden der Präsenzkommunikation … schöner habe ich meine Forderung, Digitalisierung wo immer zu gestalten und dann das was analog bleiben wird und muss sorgfältig und liebevoll zum Blühen zu bringen im wissenschaftlichen Kontext noch nie gehört. Danke!

Vom Salz in der Digitalisierung

Noch vor dem Fußballabend und auch zur Beruhigung seiner eigenen Nerven wurde Prof. Dr. Alexander Filipovic vom Münchnen Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft ins Tagungsprogramm eingewechselt und lieferte mit „Das Salz der Digitalität?“ eine Einordnung der Rolle der Kirchen als Akteure im medienethischen Diskurs. Selten habe ich so einen unaufgeregten Beobachter kirchlicher Stellungnahmen und Positionen erlebt. Nach einem Überblick über katholische und evangelische Medienpapier (Besonders das jüngste katholische Papier ist sehr konkret und lesenswert) beschrieb Filipovic die Rollen von Kirche in der Digitalisierung dreifach: Kirche nutzen digitale Medien. Kirchen sind betroffen von digitalen Medien und technischen Innovationen. Und Kirchen reflektieren kritisch auf anthropologische und soziale Folgen der digitalen Medien im Rahmen ihres diakonischen Vollzugs. Jede der drei Rollen habe für Kirche Folgen für ihr Handeln in den anderen Rollen. So sei eine aktive Rolle der Kirche unerlässlich. Christen können „sich nicht auf der Tribüne der Geschichte aufstellen und ihren Heilsauftrag durch moralische Zwischenrufe in die Arena der scheinbar von allen guten Geistern verlassenen Zeitgenossenschaft abgelten.“ (Auer 1986, S. 434).

Fallstriche des kritischen öffentlichen Sprechens sind für Filipovic „die Idealisierung alter Zeiten, die eigene Rolle als kritische Instanz zu sehen, als apokalyptischer Verführer aufzutreten, in hilfloser Dialektik der „Chancen und Grenzen“ zu verbleiben (guter Punkt!) und als Kirche keine scharfen Profile zu entwickeln. Kritisches öffentliches Sprechen kann gelingen, wenn man niemals „früher …“ sagt, man Kritik aus den Potentialen einer guten Entwicklung ableiten kann und sich nicht vor den Karren von Bedenkenträgern spannen lässt und stattdessen in Szenarios denkt in der Unsicherheit, wie es ausgehen wird.  Ich denke an diesen Prämissen lässt sich künftiger kritischer Umgang mit der Digitalisierung leichter entwickeln.

Es geht weiter

Nach einem aufregenden Fußballabend startete Tag drei mit Ingo Dachwitz, der einen unter „Digital Roadmap – strategisch und theologisch“ einen Blick auf die Empfehlungen der EKD-Jugenddelegierten warf. Er forderte nach einem „Was bisher geschah“ und einer Kurzfassung der Jugendimpulse (zu finden auch auf dem Blog der EKDJugend http://ekdjugend.tumblr.com/) nun endlich Richtungsentscheidungen zu treffen: Transformieren wir ein bisschen oder richtig? Setzen wir auf Kontrolle oder auf Öffnung, auf Hierarchie oder Netzwerke? Arbeiten wir zusammen oder weiter jede nur für sich? Gestalten wir auch selbst oder reden wir nur? Wollen wir das Silicon Valley sein oder Berlin (als derzeit gefühlte Hauptstadt der Netzaktiven)? Und entwickeln wir eine Theologie des Digitalen oder nur Apps und Projekte? Deutlich dabei seine Forderung endlich nach einem ökumenischen Lehrstuhl für digitale Theologie.

Das in Richtung Konkretion zuführen übernahmen dann Hannovers Landessuperintendentin Dr. Petra Bahr und Dr. Michael Brinkmann. , Leiter der Stabsstelle Kommunikation im Kirchenamt der EKD. Eine unlösbare Aufgabe, in der ein bisschen wieder das Murmeltier grüßte, die aber jetzt (endlich einmal) digital aktive Protagonisten aufscheinen ließ. Brinkmann lieferte den hilfreichen Blick auf laufende EKD Prozesse und Bahr dokumentierte, dass auch in Leitungsverantwortlichkeit digitale Selbstverständlichkeit gibt. Ach wären doch mehr leitende Geistliche so up to date.

Fazit: Diese Loccumer Tagung kann #digitaleKirche weiterbringen. Man wird sehen, wie weit!

3 Kommentare zu „Heilig, christlich, smart?“

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